Twitter Leak und enttäuschende Quartalszahlen schicken Aktie auf Talfahrt

Starke Verluste im ersten Quartal, geleakte Geschäftszahlen, zeitweiser Einbruch der Aktie um über 20 Prozent und eine Reduzierung der Gesamtjahres-Umsatzprognose. Turbulente Zeiten bei Twitter…

Wie kam es zum Twitter Leak?

Das Finanzanalyse Unternehmen Selerity hatte den Daten Leak als erstes festgestellt und auf Twitter die Unternehmenszahlen verbreitet. Hier die entsprechenden Tweets:

Am Nachmittag wurde der Handel der Twitter Aktien kurzzeitig sogar ausgesetzt. Nach der Eröffnung gab es dann eine regelrechte Bauchlandung des Wertes. Zeitweise gab es Einbrüche um mehr als ein Viertel des Börsenwertes. Der reguläre Handel schloss bei Minus 18 Prozent. Durch die Vorab-Veröffentlichung zur Reaktion gezwungen, gab Twitter offiziell die Zahlen etwas früher als geplant bekannt. Selerity schickte sich an zu betonen, dass es keinen Leak oder Hack gab.

„Laut Forbes probiert Selerity diverse Adressen aus, die früheren Veröffentlichungen ähneln. Lautete ein URL beispielsweise foobar.com/ir/2014_Q1.htm, probiert Selerity ein Jahr später foobar.com/ir/2015_Q1.htm. Ist das Dokument dann bereits auf dem Server vorhanden, wird es gefunden, auch wenn die Seite noch nirgends verlinkt ist. Der gleiche Fehler ist übrigens Microsoft vor vier Jahren unterlaufen. Auch damals spürte Selerity die Ergebnisse frühzeitig auf, was den zahlenden Kunden der Firma einen Informationsvorsprung verschaffte. Im Falle Twitters reichte es wohl, eine Nummer hochzuzählen.“ (via Heise.de)

Auf Mashable wird das Vorgehen noch etwas genauer erläutert:

The URL scheme Twitter used was „https://investor.twitterinc.com/releasedetail.cfm?ReleaseID=XXXXXX.“ The last published news release had the ID number of „905554.“

Presumably, Selerity just had to continue to try iterations of that number sequence until it found the report. Twitter’s Q1 2015 earnings had an ID number of „909177“ — meaning the Selerity web scraper would have had to try less than 4,000 numbers before hitting on the right one. Given today’s processing power, that could happen in the blink of an eye.

Weitere prominente „Opfer“ vorzeitig bekannt gewordener Geschäftszahlen sind etwa Google, Intel, Juniper, Buffalo Wild Wings, Transocean, Disney, NetApp, Citigroup, Applied Materials, um nur ein paar zu nennen.

Pikant an der ganzen Angelegenheit ist, dass der Link mit den Daten nicht von Twitter selbst, sondern von einem zum Nasdaq-Konzern gehörenden Dienstleistungsunternehmen, Shareholder.com, auf der Webseite zu früh platziert wurde. Es ist offenbar nicht das erste Mal, dass dieser versagt hat. So waren auch die Quartalszahlen der amerikanischen Grossbank JP Morgan Chase im Oktober Stunden vor Börsenschluss durchgesickert.

Die aktuellen Twitter Geschäftszahlen

Einer der Gründe für die Enttäuschung bei den Anlegern war die Kappung der Jahres-Umsatzprognose. Bislang gab es Erwartungen von 2,3 bis 2,35 Milliarden Dollar, die nun auf 2,17 bis 2,27 Milliarden Dollar reduziert wurden. Gleichzeitig wurden die Umsatzerwartungen im aktuellen Quartal verfehlt.

Im ersten Quartal machte der Kurznachrichtendienst einen Verlust von rund 148 Millionen Euro. Im Vorjahresquartal hatte das Minus bei umgerechnet rund 121 Millionen Euro gelegen. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 74 Prozent auf knapp 398 Millionen Euro. Analysten hatten im Schnitt aber rund 20 Millionen Dollar mehr erwartet.

Immerhin stiegen die Nutzer weiter an, von 288 auf 302 Millionen, was einem Plus von 14 Millionen entspricht. Rund 80 Prozent davon nutzen Twitter übrigens mobile via Smartphone oder Tablet. Mit der über einer Milliarde Nutzer von Facebook kann der Kurznachrichtendienst freilich noch lange nicht konkurrieren.

„Das sind definitiv schlechte Nachrichten, das kann man nicht schönreden“, sagte Victor Anthony, Analyst von Axiom Capital in einer ersten Reaktion. Irgendetwas müsse sich verändert haben, seit Twitter im Februar die Jahresprognose vorgelegt habe. „Das setzt das Management nun unter immensen Druck, in diesem Jahr mehr Geld aus den Plattformen herauszuholen.“

Ob eine Kooperation mit Googles Werbefirma Doubleclick entscheidende Effekte bringen kann, bleibt abzuwarten. Zum weiteren Ausbau des Werbegeschäftes wird auch die Firma TellApart übernommen, die auf Anzeigen-Dienste für Handelsunternehmen spezialisiert ist.

Die Aktionäre von Twitter stecken in einem regelrechten Zwiespalt: Zum einen ist eine hohe Bedeutung als Kommunikationsplattform für Politik und Gesellschaft nicht von der Hand zu weisen. Zum Anderen hat das Unternehmen nach wie vor eine zu unbedeutende wirtschaftliche Relevanz und seit dem Börsengang gab es immer wieder negative Zahlen, die durch den holprigen Umbau das Managements nicht in ein besseres Licht gerückt wurden.

„Am gesamten US-Markt für digitale Werbung lag das Unternehmen im Jahr 2014 gemäss eMarketer mit einem Marktanteil von gerade mal 1,6% auf dem achten Platz; auf dem Markt für digitale Werbung auf mobilen Geräten kam Twitter mit knapp 4% auf den dritten Platz – weit abgeschlagen hinter Google und Facebook. Diesem Gegensatz entsprechend sind die Twitter-Aktien denn auch sehr hoch bewertet: Der derzeitige Kurs entspricht rund dem 52 fachen des für das Geschäftsjahr 2016 erwarteten Gewinns je Aktie.“ (zitiert aus Neue Zürcher Zeitung)

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