Muss die re:publica politisch sein, um erwachsen zu sein?

Seit langem schon attestieren Journalisten der re:publica Jahr für Jahr, vielleicht endlich, ganz vielleicht endlich erwachsen geworden zu sein. Seit langem schon warnen Journalisten die Macher im gleichen Atemzug davor, die re:publica nicht zu groß werden zu lassen, um ihr nicht den Charme zu nehmen. In diesem Jahr schreibe ich aus vollem Herzen: Die re:publica ist erwachsen, denn sie ist endgültig politisch geworden. Und: Die re:publica muss größer werden, viel größer, damit noch mehr Menschen begreifen, was gerade passiert.

Schreibt Florian Blaschke in seinem Rückblick zur re:publica auf t3n.de.

Dies möchte ich als Aufhänger nehmen, um mein persönliches Review anzusetzen.

Zur Größe der re:publica

18 Bühnen, 350 Sessions, über 6000 Gäste aus mehr als 45 Ländern – zum Abschluss der re:publica 2014 zogen die VeranstalterInnen ein positives Fazit.

Die Internationalisierung ist und bleibt ein zentraler Bestandteil der Veranstaltung: Rund 160, der insgesamt 350 Sessions wurden auf englisch gehalten und deutsche Vorträge auf Bühne 1 ins englische übersetzt. SpeakerInnen und Gäste aus über 45 Ländern reisten an – allein für das Global Innovation Gathering kamen über 70 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt nach Berlin.

Doch vor allem der heterogene Mix an BesucherInnen macht die re:publica zur Gesellschaftskonferenz: Im Gegensatz zu vielen anderen Konferenzen dieser Art, kann die re:publica in diesem Jahr mit einem Frauenanteil von 40%, sowohl vor, als auch auf den Bühnen, glänzen. Die re:publica deckt zusätzlich alle Altersklassen ab: Die SprecherInnen der Konferenz sind zwischen 12 und 70 Jahren alt, die Alterspanne unter den Gästen war noch größer: Auch eine Gruppe des Senioren Computer Clubs Berlin Mitte stattete der #rp14 einen Besuch ab.

Über die Ziele und Vision

Im Dezember 2013 hieß es in der offiziellen Pressemeldung zur re:publica:

öffnet die re:publica erneut die Türen der STATION-Berlin zur größten Konferenz der digitalen Gesellschaft Europas. Für diese achte Ausgabe begibt sich die re:publica unter dem Motto “INTO THE WILD“ auf die Suche nach unerwarteten technischen Lösungen, überraschenden Impulsen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und eine ungezähmte Netzkultur. Denn spätestens seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden ist das Hinterfragen gewohnter Wege notwendiger denn je.

Kai Biermann fasst es in seinem ZEIT Artikel so zusammen:

Das Ding heißt noch immer überall Bloggerkonferenz, obwohl sie das nie sein wollte und auch schon lange nicht mehr ist. Der Name re:publica ist eine Abwandlung des lateinischen res publica, was so viel wie öffentliche Sache oder Gemeinwesen bedeutet. Die re:publica will sich damit beschäftigen, was das Internet mit der Gesellschaft macht und was die Gesellschaft mit dem Internet anstellen kann.

Mit dieser eher unscharf erscheinenden Idee ist sie zu einer einzigartigen und wichtigen Plattform für die Debatte geworden, wie wir alle mit der Digitalisierung umgehen und umgehen wollen. Die re:publica ist kein Bloggertreffen, keine Internetkonferenz, keine Nerdveranstaltung. Sie ist ein Gesprächsraum für die gesamte europäische Zivilgesellschaft. Dort werden Themen verhandelt, die jeden etwas angehen.

Meine Fragen zur Diskussion um die Netzpolitik

Meine Timeline quillt seit dem Ende der #rp14 über mit Meinungen und Einschätzungen zur re:publica. Ähnlich wie in dem anfänglichen Zitat wird der politische Aspekt betont, der sich fast immer auf den Abhörskandal, rund um NSA, Prism und wie sie alle heißen mögen, dreht. Aber mal ehrlich:

  • Hat sich mein persönliches Leben dadurch verändert?
  • Bin ich deswegen weniger im Internet aktiv?
  • Überlege ich mir genauer, was ich poste, mail oder chatte?
  • Habe ich meine Apps gewechselt?
  • Und wie sieht es bei euch aus?

Nicht, dass das falsch verstanden wird: Man muss über diese Dinge sprechen und darf deren Bedeutung nicht herunter spielen. ABER: Sind sie zentraler Bestandteil meines beruflichen oder privaten Lebens?

Kai Biermann schreibt, die re:publica will sich damit beschäftigen, was das Internet mit der Gesellschaft macht (siehe oben). Und da fallen mir eine Vielzahl an Aspekten ein:

  • Wie hat das Internet unsere Kommunikation verändert?
  • Wie wirkt sich die „always on“ Haltung auf unser Privatleben aus?
  • Wie gehen wir mit der Reizüberflutung um?
  • Sind wir noch in der Lage unser eigenes Lebenstempo zu bestimmen?
  • Gibt es, gerade für Social Media Enthusiasten und Webworker eigentlich noch eine Trennung von privatem und beruflichem Leben?
  • Welche gesundheitlichen und sozialen Auswirkungen hat die zunehmende Onlinezeit?
  • Wie können unsere Kinder sinnvoll an einen digital lifestyle herangeführt werden?

Ich habe zu diesen Fragen keine Antworten bekommen und über deren Diskussion bisher quasi nichts gelesen. Doch kommen wir mal zu der Frage nach dem erwachsen werden und sein.

Über das erwachsen werden

Florian Blaschke an anderer Stelle:

Sie hat die Leichtigkeit genommen, mit der viele bislang mit dem Internet umgegangen sind. Sie hat das Spielerische zerstört. Sie hat uns ins Bewusstsein gerufen, dass wir Opfer sind – und Versager.

Mit „Sie“ ist die Spitzelattacke und Überwachung gemeint.

In meinen Augen zeichnet einen erwachsenen Menschen folgendes aus:

  • Einschätzung und Abschätzung von Risiken und Nebenwirkungen seiner Entscheidungen
  • Übernehmen der Verantwortung für seine Entscheidungen und deren Folgen
  • Reife, Entscheidungen selbständig treffen zu können
  • Verantwortung für sich und Andere übernehmen können
  • Auf eigenen Beinen stehen zu können und sich selbst versorgen zu können

Und wie erwachsen sind wir denn nun, die Netzgemeinde?

  • Haben wir denn wirklich geglaubt, das Internet gehört uns und die Internetunternehmen schenken es uns in ihrer Großzügigkeit?
  • Gehen wir davon aus, dass Großkonzerne sich eine eigene, freiwillige Selbstkontrolle auferlegen, die so weitreichend ist, dass sie unseren Vorstellungen entsprechen würde?
  • Haben wir denn an Staaten geglaubt, die die gegenseitige Souveränität und Rechtsstaatlichkeit in allen Bereichen anerkennen?
  • Glauben wir an transparent arbeitende Geheimdienste? Schon der Name impliziert ja, dass sie im Geheimen und Verborgenen arbeiten. Wie könnte man davon ausgehen, dass sie alle ihre Operationen offenlegen?
  • Glauben wir an internationale Bündnispartner, die uns in alle strategischen Überlegungen mit einbeziehen und die uns zu all ihren Operationen im Ausland und von unserem Boden aus, um Erlaubnis fragen?

Wenn wir auch nur eine dieser Fragen mit „ja“ beantworten müssen, dann sind wir nicht erwachsen, sondern naiv und kindisch. Dennoch herrscht aber eine helle Aufregung, wie in einem Haufen gackernder Hühner, über die Enthüllungen und eine schiere Bestürzung. Im Grunde genommen hätte uns aber schon immer klar sein müssen, dass Geheimdienste nicht nur im Verborgenen arbeiten, sondern oft im Grenzbereich der Legalität. Dass zwar Vertrauen unter Freunden gut ist, Kontrolle aber immer noch besser. Dass, wer einmal eine Grenze überschritten hat, auch vor Muttis Handy oder dem Firmengeheimnis der wichtigsten Wettbewerber der eigenen Großindustrie, nicht Halt macht.

Auf der anderen Seite steht aber auch das Wissen um die Wahrheit von Binsenweisheiten, wie „Lügen haben kurze Beine“ und „irgendwann kommt alles ans Licht“. Soll heißen, dass auch das Aufdecken nicht sonderlich überraschen sollte.

Wir alle wissen um die Bedeutung des Internets und um die Bedrohungen, denen wir uns als Nutzer ausgesetzt sehen. Es wird Zeit, dieser Herausforderung auch den adäquaten Stellenwert zu geben – sei es, indem wir uns aktiv für ein besseres Netz einsetzen, unsere Politiker aktivieren oder diejenigen unterstützen, die sich schon seit einer ganzen Weile mit Herzblut dafür einsetzen. (Lea Weitekamp, ebenfalls t3n)

Ich formuliere eine bewusst provokante These:

Solange wir nur den #Aufschrei formulieren, aber uns nicht für eine Veränderung der Umstände einsetzen, sind wir nicht nur Opfer, wir machen uns zu selbigem. Und wir benehmen uns wie Kinder. Dieses Verhalten ist nicht erwachsen. Zu Florian Blaschke möchte ich sagen: „Die re:publica mag politisch(er) geworden sein, aber erwachsen ist sie noch nicht. Dies würde ich dann so bezeichnen, wenn die Netzgemeinde sich wie Erwachsene verhält, ihr Verhalten verändert und aktiv daran geht, die Verhältnisse zu ändern.“ Aktuell wird offenbar noch ein Papa Lobo gebraucht, der die Kinderlein ausrichtet und wieder auf Spur bringt.

Kunstwerke im Innenraum der re:publica

Kunstwerke im Innenraum der re:publica

Aber vielleicht muss ich ja auch meine Einschätzung bis zur re:publica ´15 ändern, weil Sascha Lobo eine ganz andere Keynote halten wird. Diesmal mit dem Titel: „Well done folks – ihr habt´s begriffen!“ Und wir können uns dann über weitere Fragen, zur Veränderung der digitalen Gesellschaft, unterhalten…


Mir ist klar, dass es sich um ein sehr viel schichtiges Thema handelt. Dieser Beitrag müsste noch mit einer Reihe von Artikeln erweitert und fortgesetzt werden, etwa

  • Wie sieht Eintreten für eine Netzpolitik in einer parlamentarischen Demokratie überhaupt aus?
  • Wo bietet die aktuelle politische Landschaft und Struktur Ansatzmöglichkeiten und wo kommt sie an ihre Grenzen?
  • Kann eine Veranstaltung, eine Konferenz tatsächlich die Veränderung von Gesinnung und Verhalten, von 7000 bis 8000 Teilnehmern bewirken?
  • Kann es ein „freies Internet“ überhaupt jemals geben?
  • Wie soll eine Regulation und Kontrolle denn eigentlich aussehen?
  • Wie kann im Sinne des Gemeinwohls die Arbeit von Geheimdiensten und Spionageabwehr in Zeiten von international agierenden Terroristen und Cyberkriminalität aussehen?

Vielleicht ist es mir, trotz der Kürze, dennoch gelungen Grund und Ansatz für den Beginn einer Diskussion zu liefern…

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