Interview mit Oliver Gassner über aktuelle Social Media Business Trends

In unserer Reihe von Experten Interviews spreche ich heute mit Oliver Gassner – der ehemalige Gymnasiallehrer hat im Jahr 2002 sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet seitdem als freiberuflicher Online-Journalist, Kommunikationsberater und Blogger. Er ist seit 1988 einer der ersten Web-Worker und beschäftigt sich seit 1999 mit Weblogs. Er betreut als Fernlehrer für das ILS Hamburg die Studieneinheit (SoMM 3), eine Einführung ins Bloggen. Er gilt außerdem als einer der renommiertesten Experten im Bereich Business Networks und ist zertifizierter XING-Trainer.

Oliver Gassner Profilfoto

In einem Vorgespräch sagten Sie, dass aktuell das Thema „Pull Akquise“ sehr interessant ist…

Oliver Gassner: Ja, wer wird schon gerne ‘angepitcht’ zu einem Thema, zu dem er aktuell kein Produkt oder keine Unterstützung sucht. Es wäre ja der Idealfall, dass man angefragt wird oder – fast noch besser – empfohlen. Das lässt sich über Social-Web-Aktivitäten sehr leicht provozieren, indem man sich gezielt positioniert.

Zuletzt konnte XING überraschend gute Zahlen vorweisen. Es werden auch laufend neue Funktionen implementiert. Wie sehen Sie die Zukunft von XING?

Oliver Gassner: Nun, manche Dinge kommen, über die ich nicht reden darf, weil ich eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterzeichnet habe. Publik ist, dass die Gruppen neu gelauncht werden und einige Features, die ich bereits in einer Testgruppe sehen kann, gefallen mir sehr sehr gut. Generell ist XING hier auf zwei Schienen: Sie versuchen, die Plattform so zu gestalten, dass die Aktivität der User zunimmt. denn man hat gelernt, dass aktive User eher zu Premiumusern werden. Zudem erweist sich das Thema Recruiting als Revenuequelle und man hat ja hier erst kürzlich die zweite Fassung des “XING Talent Manager” für Recruitingabteilungen von Firmen gestartet. Hier wird es darauf ankommen, den Recruitern wert zu bieten, ohne dass die normalen Nutzer durch für sie irrelevante Kommunikation gestört werden. Da sehe ich XING auf einem sehr guten Weg. Insgesamt entwickelt sich XING in Richtung eines universellen Werkzeugs, mit dem das Business erfolgreicher und effizienter abgewickelt werden kann.

Facebook, das größte soziale Netzwerk der Welt, bietet auch immer mehr Funktionen für Recruiter und zur Jobsuche. Sehen Sie darin eine Gefahr für etablierte Business Netzwerke, wie LinkedIn oder XING?

Oliver Gassner: Schon seit Jahren höre ich aus den USA, dass Aktivität von Linkedin zu Facebook abwandert. Während Facebook in den USA aufgrund seiner Geschichte als Universitätsnetzwerk *DAS* Networking-Tool der Akademiker ist, stößt es in Deutschland bei vielen eher noch auf Irritation. Ja, es ist absehbar, dass Facebook versuchen wird, sich in diese Richtung zu entwickeln. Alle externen Apps, die das versuchen, verzeichnen in meiner Wahrnehmung zumindest für Deutschland kaum Aktivität. In Deutschland fühlt sich weder ein Arbeitgeber auf Facebook wohl, wenn er Mitarbeiter sucht, noch möchte ein Mitarbeiter der “Freund” seines Chefs auf Facebook sein. Das ist meine Wahrnehmung. Und so lange das so ist, wird sich Richtung Recruiting auf Facebook nichts tun, was XING eindämmt. Für den internationalen Bereich und Linkedin sieht das anders aus. Linkedin hat sich ja zusätzlich als Business-Informationsplattform mit Fachartikeln positioniert. Das ist wahrscheinlich der Notanker, falls Recruiting unter Stress gerät. XING hatte ja mit “Themen” etwas ähnliches probiert, leider wurden da einige Weichen ungünstig gestellt und das Projekt wurde wieder eingestellt.

Diese Woche schrieb Jochen Mai auf Karrierebibel: „Jobsuche 2.0: Warum Social Media Jobbörsen verdrängen werden“. Wie sehen Sie diese Aussage?

Oliver Gassner: Jochen Mai hat da recht. Wenn Sie ein Auto kaufen, dann fragen Sie ja auch jemanden “der sich mit so was auskennt”. Empfehlungen sind die beste Art, Geschäfte anzubahnen. Und das gilt auch für das Business “Job”. Wird mir ein Arbeitgeber oder Arbeitnehmer empfohlen, dann ist der Weg zum Vorstellungsgespräch sicher kürzer und die Chance, den Job zu kriegen, sicher höher als über eine Jobbörse ohne persönliche Verbindung. Irgendwann wird das eine Frage der Effizienz auf beiden Seiten. Weder der Anbieter noch der Suchende können endlos Kapazitäten in Bewerbungen oder Auswahlverfahren stecken. Alles, was das glatter laufen lässt, ist willkommen und setzt sich durch.

Sie sind gerade auch auf Google+ sehr aktiv. Zuletzt las man oft Titel a la „wer Google+ mit Facebook vergleicht, hat es noch gar nicht verstanden“. Wo liegen denn die Hauptunterschiede?

Oliver Gassner: Facebook sieht nur aus wie eine super Werbeplattform für Unternehmen, es ist ein Werkzeug zur Vernetzung mit guten Bekannten. So nutzen es die meisten. Dabei ist das, was ich auf Facebook tue, nahezu nicht suchmaschinenrelevant – und das wollen die User auch so. Oder wie oft treffen sie – wenn sich nicht eine Marke oder einen Namen googeln – auf einen Facebookpost? Google+ hingegen ist eine Sharingplattform, die eher funktioniert wie Twitter, Delicious, Tumblr oder Flickr. Und es erhöht, wenn ich mein Netzwerk dort ausbaue, meine Sichtbarkeit bei Suchmaschinen. Ins Bild gefasst: Facebook ist meine Wohnküche, Google+ eine Bühne.

Auf der Social Media Night Stuttgart haben Sie einen Vortrag mit dem Titel: „Google+: Irrtümer, strategische und taktische Chancen“ gehalten. Wird es Google gelingen ein Netzwerk, mit YouTube, Google+, Gmail, Blogger, etc. aufzubauen, das andere Dienste ähnlich dominiert, wie bereits die Suchmaschinen?

Oliver Gassner: Man kann Google+ aus Google-Sicht als zwei Dinge begreifen: Als “soziale Schicht” über alle Dienste hinweg. D.h. ich kann sehen, wer aus einem Kreis mir Mails schreibt, kann bestimmen, wer aus welchen Kreisen bei YouTube unmoderiert meine Videos kommentieren darf, kann in YouTubekommentaren meine G+-Kontakte direkt ansprechen und werde wahrscheinlich auch irgendwann Google-Drive-Daten einzelnen Kreisen zur Verfügung stellen oder zum Editieren freischalten können. Grob gesagt: Ein Circle, beispielsweise mit Vereinsmitgliedern, kann irgendwann eine Vereinsverwaltung ersetzen.

Google hat zuletzt einige neue Funktionen und Dienste rund um Google+ gelauncht. Google Helpouts wurde viel diskutiert. Wo sehen Sie interessante Einsatzszenarien und glauben Sie an den Erfolg von Helpouts?

Oliver Gassner: Leider ist Helpouts noch nicht in Deutschland verfügbar. An sich habe ich einen Zugang, kann ihn aber nicht nutzen. Ich beispielsweise werde ständig von Halbfremden nach Funktionsweisen von XING oder Google+, Blogs oder Twitter gefragt. Mit Helpouts könnte ich sagen: “Klar, ich erklärs Ihnen, Sie können mich minutenweise buchen.” Aber auch Einzelschulungen o.ä. wären über die Helpouts via Hangout möglich.

Ganz frisch ist die Möglichkeit Google+ als internes, unternehmenseigenes Netzwerk zu nutzen, den Restricted Communitys. Positioniert man sich damit immer weiter als Business Plattform, zur internen und externen Kommunikation? Werden Unternehmen einen solchen Dienst, in Händen der „Datenkrake“ Google überhaupt akzeptieren?

Oliver Gassner: Google hat bereits eine riesige Bandbreite an Dienstleistungen für Unternehmen. es gibt viele große deutsche Traditionsfirmen, die solche Services nutzen. Dafür gibt es sogar eine spezielle Option, dass Daten nur auf EU-Servern abgelegt werden. Das geht bei Such-Appliances los, geht über Maildienste mit Positino (Spamfilterung u.ä.) weiter zu den Google Apps for Business, die inzwischen auch Google+ umfassen und viele Apps die unter Google Apps einsetzbar sind. Eine Firma, die so arbeitet, hätte einen Fremdkörper im System, wenn sie beispielsweise Yammer zusätzlich einsetzen würde. Dieses Bedürfnis nach strukturierter interner Kommunikation befriedigt Google hier.

Ganz früher hatten Firmen eigene Elektrizitäts- oder Wasserwerke. Punktuell gibt es das noch. Aktuell geht der Trend dahin, auch IT-Systeme in Clouds auszulagern und nicht alles selbst zu machen und IT-Leistung nur dann zu bezahlen, wenn man sie nutzt – und damit auch teure Überkapazitäten zu vermeiden. Es hat sich gezeigt, dass nicht Google die “Gefahr” für die Firmen darstellt, sondern ein nicht ausreichend demokratisch kontrollierter Staatsapparat, der in IT-Infrastruktur eingreift. Ich würde eigentlich von der Wirtschaft erwarten, dass sie der Politik hier die Leviten liest und auf funktionierende Verschlüsselung und funktionierende Kontrolle von Geheimdiensten pocht.

Knapp gesagt: Google kann sich nicht leisten, dass es lax mit Firmendaten oder Privatdaten umgeht. Das hat Google bei Google Buzz und durch den China-Zwischenfall gelernt. Der Staat sollte sich das auch nicht leisten können.

3 Kommentare