Was die Übernahme des Thermostat Herstellers Nest von Google bedeutet

Seit einiger Zeit befassen wir uns mit dem immer weiter ausufernden Google Universum, das uns nach Robotern und selbstfahrenden Autos nun mit Nest einen Hersteller digitaler Thermostate und Rauchmelder beschert. Derzeit findet man mehr Nachrichten zu fantastischen Zukunftsszenarien, wie Google Paketauslieferung durch selbstfahrende Fahrzeuge, die von humanoiden Robotern bemannt sind, als News zum eigentlichen Kerngeschäft – Suchmaschine, Gmail oder Google+.

Google kauft Nest für 3,2 Milliarden US-Dollar

3,2 Milliarden US-Dollar hat sich Google den Zukauf des Unternehmens Nest Labs kosten lassen. Das ist der zweitgrößte Firmenzukauf in der Unternehmensgeschichte nach Motorola Mobility (12,5 Milliarden US-Dollar).
Infografik: Google kauft Nest für 3,2 Milliarden US-Dollar | Statista
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Der Nest Deal gibt Anlass sich mehrere Aspekte dazu anzusehen:

Das Internet der Dinge – Internet of Things

Google als Verkäufer von Haustechnik? Was zunächst ein wenig seltsam klingt, könnte durchaus Sinn für den Suchmaschinenriesen ergeben. Die Nest-Geräte zeichnen Daten auf und schicken sie via Internet an den Hersteller, sind also Teil des so genannten Internets der Dinge.

Das Internet der Dinge (auch englisch Internet of Things) beschreibt, dass der (Personal) Computer zunehmend als Gerät verschwinden und durch „intelligente Gegenstände“ ersetzt wird. Statt – wie derzeit – selbst Gegenstand der menschlichen Aufmerksamkeit zu sein, soll das „Internet der Dinge“ den Menschen bei seinen Tätigkeiten unmerklich unterstützen. Die immer kleineren eingebetteten Computer sollen Menschen unterstützen ohne abzulenken oder überhaupt aufzufallen. […]

Das Internet der Dinge bezeichnet die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte (things) mit einer virtuellen Repräsentation in einer Internet-ähnlichen Struktur. Es besteht nicht mehr nur aus menschlichen Teilnehmern, sondern auch aus Dingen. (Wikipedia)

Die Trendforscher von BOSCH Software Innovations gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren immer mehr Geräte und Systeme so ausgestattet sein werden, dass sie automatisch Daten über das Internet versenden und empfangen können. Schon heute lässt sich sagen, dass wir an der Schwelle zu einer neuen Marktentwicklung mit großem Potenzial stehen.

Unseren Schätzungen zufolge werden bereits 2015 mehr als sechs Milliarden Geräte und Systeme über das Internet miteinander verbunden sein und Daten austauschen.

Das nachfolgende Video erklärt im Explainr Stil, ausgeführt von Stefan Ferber, Director Communities and Partner Networks, das Internet of Things:

In seinen Ausführungen zeigt Stefan Ferber mehrere Kernkompetenzen, die auf Google par excellence zutreffen:

  • Die Basis ist das Internet – alle Geräte interagieren miteinander und können zumeist über mobile Geräte, wie Smartphone und Tablet miteinander agieren
    Was Google kann: Mit Motorola und seinen Nexus Produktlinien eigene mobile Hardware. Seit Nest auch erste Haushaltsprodukte.
  • Ein bis dato disruptiver Markt wird durch das Internet of Things miteinander verbunden. Mobile Commerce, Smart-Home, Mobilität, Energieversorgung, etc.
    Was Google kann: Mit Android als Basis Verknüpfung in verschiedenen Mobile Bereichen möglich machen und fast immer Marktführer erreichen. Denken sie nur an den neuesten Coup mit der Open Automotive Alliance (OAA).
  • Grundlage für den Erfolg sind Business Innovations. Es wird nicht nur über finanziellen Erfolg, gemessen in Dollar, Euro oder Renminbi gesprochen, sondern auch über verschiedene Abrechnungs- und Geschäftsmodelle, wie pay per use oder freemium.
    Was Google kann: Wenn es ein Unternehmen gibt, das Abrechnungsmodelle, wie pay per use, pay per click, etc. beherrscht wie kein anderes, ist das sicherlich Google. Hinzu kommt in jüngerer Zeit die Forcierung von Google Wallet als Zahlungsmittel (in den USA kann man mittlerweile eine physikalische Kreditkarte für Google Wallet beantragen).
  • Technische Kompetenz:
    Domain Competence: Um all diese Dienste miteinander zu verbinden braucht man z.B. ein fundiertes Domainwissen. Wussten sie, dass Google einer der größten Bewerber um die neuen Top Level Domains der ICANN ist? Als Registry einer eigenen TLD sind sie natürlich prädestiniert IP basierte Services und Dienstleistungen anzubieten!
    IT & Software Competence – Anmerkungen zu Android habe ich bereits oben gemacht.
    Creativity – hier könnte man u.a. das Nest Management anführen, das aus ehemaligen Apple Managern besteht. Der Gründer Tony Fadell kam einst von Apple, er war mitverantwortlich für das Design des iPod und des ersten iPhone. Und in Sachen sexy Geräte liegt Google nach wie vor deutlich hinter Apple zurück.

Damit richtet sich Google mit dem Kauf von Nest strategisch auf einen Zukunftsmarkt mit großem Potential aus, der Automatisierung und Vernetzung von Haushalten.

Nest Smart Home Technologie

Durch die Übernahme von Nest sorgt Google für viel Aufmerksamkeit für einen neuen Trend: Smart Home Technologie.

Nest-Thermostate erfassen eine Vielzahl von Informationen darüber, was in einem Haushalt gerade geschieht. Sie merken sich, wann der Nutzer die Temperatur hochregelt, wann herunter. Dank eingebauter Sensoren für Temperatur, Aktivität, Luftfeuchtigkeit und Helligkeit kann der Thermostat erkennen, wann jemand zu Hause ist, in welchem Raum sich gerade jemand aufhält. Steuern lässt er sich auch über eine Smartphone-App. Die Geräte nutzen auch Bewegungssensoren. Wird zum Beispiel ein Rauchalarm beim Kochen ausgelöst, genügt es, vor dem Nest-Gerät zu winken, um den Alarm wieder abzustellen.

Nest Protect

Nest Protect

Die BILD schreibt weiter:

Es ist nicht der erste Vorstoß von Google in den Bereich Haustechnik. Google hatte einst unter eigenem Dach ein Projekt für intelligente Stromrechner, machte es aber dicht im Zuge einer Konzentration auf das Kerngeschäft.

Bei Nest überschlagen sich damit die Ereignisse: Erst Anfang des Jahres hatte das Technologie-Blog „Recode” berichtet, Nest stehe vor einer weiteren Kapitalspritze. Investoren wollten weitere Nest-Anteile für mindestens 150 Millionen Dollar kaufen, zu einer Gesamtbewertung für die Firma von über zwei Milliarden Dollar, hieß es damals unter Berufung auf informierte Personen.

“Every time I turn on the TV, that’s information that someone is home. When the refrigerator door opens, that’s another sensor, more information,” Mr. Fadell said. His thermostat can track and collect that information. But the future will look different, when we have “sensor networks that can evolve, all interacting with these learning patterns.” (NY Times)

Google Smart Home eröffnet Diskussionen um Datenschutz

Der Tech-Journalist Ryan Block, der heute für AOL arbeitet, fasste es in einem vielfach weitergereichten Tweet so zusammen:


Der amerikanische Technologie-Blog GIGAOM sieht eine Runde für Datenschutzdiskussionen eröffnet:

When Google closes the Nest deal, privacy issues for the internet of things will hit the big time

Google intends to buy a connected thermostat that knows when you’re home and where you are within it. Given Google’s quest to index all the world’s information, this deal should jumpstart the conversation about privacy and the internet of things.

Stacey Higginbotham weist in dem Artikel darauf hin, dass es gerade aktuell Diskussionen um Änderungen von Google Diensten und Richtlinien gibt:

  • Über Google+ lassen sich Nutzer direkt per eMail anschreiben, ohne dass man ihre eMail Adresse kennen muss. Dies lässt sich übrigens in den Einstellungen des eigenen eMail Kontos ändern / deaktivieren.
  • Persönliche Bilder und der Google+ Name sollen ungefragt für Werbung im Google Netzwerk verwendet werden können. Es besteht zwar die Möglichkeit zum Opt-Out, aber die Grundeinstellung für so weitreichende Dienste sollte Opt-In sein.

Bei Nest weiß man um die PR-Gefahr. Auf der Website ist inzwischen zu lesen: „Unsere Datenschutzerklärung beschränkt die Nutzung von Kundendaten auf die Verbesserung unserer Produkte und Dienste. Wir nehmen Datenschutz ernst, und das wird sich nicht ändern.“ Mit einer derart schwammigen Formulierung erlaubt sich das Unternehmen nahezu jede Auswertung und Verknüpfung, man kennt das von Unternehmen wie Google und Facebook. Und ein Nein zu der Frage, ob Daten an Google weitergereicht werden, ist das auch nicht, meint Spiegel Online Redakteur Christian Stöcker. Als ein Reporter des US-Magazins „The Verge“ im Gespräch mit Fadell nachfragte, ob sich die Datenschutzregelung ändern werde, antwortete der Nest-Gründer: „Ich werde nicht niemals sagen.“

Kaufen, was man selber nicht hat?

Nach meiner persönlichen Einschätzung hat Google bisher noch nicht bewiesen, dass es Hardware kann. OK – die Nexus Produkte sind gute Smartphones und Tablets. Aber wenn man an Samsung und Apple denkt, dann ist Google noch unter ferner liefen. Insbesondere, wenn es darum geht, eine starke Markenbindung, ein Image aufzubauen. Welches Unternehmen möchte nicht gerne erleben, dass die Kunden vor dem Laden campieren, um das neueste Gadget als Erster zu ergattern.

Alan Curtis Kay, ein amerikanischer Computer Pionier, der heute immer noch gerne zitiert wird, hat einmal gesagt:

People who are really serious about software should make their own hardware.

Der Blogger John Gruber ist der Ansicht, dass Google diesen Ratschlag sehr gut umsetzt, auch wenn das vielleicht auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist:

In a sense, Google has always followed Kay’s adage. The software that Google was most serious about — web search, Gmail, and so forth — ran in the cloud, and with the company’s legendary data centers, they effectively built their own hardware.

Google now has a division with a remarkable consumer hardware track record. Nest and Fadell now have the financial resources to work faster. Money doesn’t solve scaling problems, but the actual solutions to scaling problems always cost money. Google’s Nest acquisition has very little to do with selling thermostats and smoke detectors in particular. Instead, it’s about Google having the ability to do consumer hardware right, in general.

In einem Interview mit Om Malik sagt Fadell:

I was spending nearly ninety percent of my time on building the infrastructure of the company and I wasn’t able to spend enough time and cycles on what I love doing: products and creating differentiated experiences for our customers. That is where my love is and Google offered to let us focus on that, but with scale that will help bring our horizon closer to us, faster. Google offers to bring that scale to us. For me, ultimately building great products is key.

Was, wenn der Schöpfer des iPod plötzlich 90 % seiner Zeit wieder dafür einsetzen kann, was er am liebsten macht?

Summa summarum scheint es so, dass Google stark darauf setzt visionären Köpfe einen Freiraum zu schaffen, ihre Kreativität und Visionen umzusetzen. In meinen Beiträgen zu den Roboterplänen habe ich bereits über Andy Rubin geschrieben, der sogar seinen Posten als Android Vorstand abgegeben hat, um sich voll und ganz dem Thema Roboter zu widmen.

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