Technologien für den Online-Handel: Dr. Roman Zenner im Gespräch

Mit der Zerschlagung von eBay und damit der Zukunftsfrage für Magento, dem Plentymarkets Händlertag, Ende des Monats, und Meet Magento seht die Onlineshop Software bei uns gerade stark im Fokus.

Dies nehme ich als Gelegenheit um mich mit Dr. Roman Zenner über die Technologien für den Online-Handel auszutauschen. Es freut mich, dass er für ein Interview Zeit gefunden hat.

Dr. Roman Zenner

Im ShopTechBlog schreibt er über Technologie-Entwicklungen im Onlinehandel und widmet sich dabei unter anderem diversen Shop-Systemen wie Magento, OXID eShop und Shopware. Außerdem interessiert er sich für innovative Software-Architekturkonzepte und neue Datenbank- bzw. Such-Technologien wie z.B. Elasticsearch.

Roman, du bist ja auch gut mit der Magento Community in Deutschland vernetzt und hast dir auch so deine Gedanken über die Aufspaltung von eBay gemacht. Wie siehst du die Zukunft von Magento?

Dr. Roman Zenner: Als Magento 2010/2011 an eBay verkauft wurde, hat niemand in der Community sich ernsthaft einreden lassen, dass dort eine Liebesheirat stattgefunden hat. Für das Team rund um Yoav Kutner und Roy Rubin ging es seinerzeit schlicht darum, genug finanzielle Mittel für den laufenden Betrieb und die Weiterentwicklung der Plattform zu erhalten – der Zusammenschluss mit eBay war daher eher eine Vernunftehe. Wobei „Vernunft“ ja impliziert, dass dieser Schritt zur längerfristigen strategischen Roadmap von Magento gepasst hat – tatsächlich ist wohl eher richtig, dass es eine Notaktion war, weil das eigene Enterprise-Geschäft nicht so viel Umsatz erzeugt hat, um noch länger im Markt mitmischen zu können. Zu dieser Interpretation passt auch, dass die Gründer nach der Übernahme nicht länger an Bord geblieben sind, als es vertragsrechtlich unbedingt notwendig war und Yoav Kutner öffentlich Zweifel äußerte, dass eBay die Bedeutung von „open“ tatsächlich versteht.

I will answer and give much more information over the next few weeks as to the reasons I had to leave Magento. As for now I can say that (very) short term I would not be worried about the ‘open’ part of Magento, but as I have learned eBay and the folks at X.commerce don’t really understand the meaning of open and have a hard time explaining and defining it to them selves and to others. As such, long term, it would be very interesting to see if Magento will continue to stay open in the manor the people behind Magento and I meant it to be.

Vor diesem Hintergrund kann die Trennung von eBay für Magento eine Chance sein, vorausgesetzt der bzw. die neuen Eigentümer erkennen und nutzen die Möglichkeiten, die eine so große und vielfältige internationale Community bietet.

Magento Entwicklungsprozess wird transparenter

Bei der letzten Meet Magento gab es ja herbe Kritik an der Enterprise Version. Auch zu der intransparenten Entwicklung von Magento 2 gab es Kritik aus der Entwicklergemeinde. Siehst du hier den Verbesserungen, bzw. auch positive Trends?

Dr. Roman Zenner: Tatsächlich hat sich hinsichtlich der Entwicklung von Magento 2 einiges zum Positiven verändert. So ist der Entwicklungsprozess deutlich transparenter geworden und es gibt beispielweise regelmäßige Updates im offiziellen GitHub-Repository in Form von einzelnen Commits statt wöchentlichen Sammel-Commits.

So begrüßenswert dieser Schritt ist, so sehr zweifele ich am Mehrwert, den das Core-Team durch dieses massive Projekt für Händler schafft. Sicherlich werden sich Entwickler freuen, weil teilweise neue Technologien verwendet werden: In Zukunft kommt beispielsweise jQuery zum Einsatz, die lang geforderten Unit-Tests werden angeboten und neue Versionen von MySQL und PHP werden unterstützt. Darüber werden sich Entwickler sicher freuen, auch weil sie dank einer überarbeiteten Struktur in Zukunft ihre Module besser kapseln können. Magento 2 ist eine Frischzellenkur für die Magento-Plattform, bringt aber keine architektonischen Innovationen mit sich und wird daher auf mittlere Sicht dem Markt hinterherlaufen.

Spryker E-Commerce Technologie

Das Team um Alexander Graf und Nils Seebach hat im letzten Herbst mit Spryker die bereits bei Project A eingesetzte Yves & Zed Lösung auch für Dritte zugänglich gemacht. Der auch von dir zitierte Joscha Krug schreibt dazu, dass ihm das wirklich „Neue“ fehlt. Brauchen wir denn für den E-Commerce Markt weitere neue Software Angebote?

Dr. Roman Zenner: Ich bin davon überzeugt, dass wir neue Technologien brauchen, um für die drei wichtigsten Herausforderungen des Onlinehandels – Individualisierung, Skalierbarkeit und Agilität – gewappnet zu sein. Spryker geht bezüglich der Aufsplittung in Frontend- und Backend-Komponenten einen vernünftigen Weg, allerdings handelt es sich hier meiner Meinung nach eher um ein Projekt, das erst noch zu einem Produkt reifen muss.

Für ganz klassische Online-Handelsmodelle werden monolithische Standardprodukte wie Magento, OXID, Shopware & Co. auch auf lange Sicht noch die notwendigen Werkzeuge bereitstellen. Für alle diejenigen jedoch, die sich abseits der ausgetretenen E-Commerce-Anwendungspfade bewegen, individuelle Applikationen in den vielfältigsten Kontexten betreiben und adhoc massiv skalieren müssen, werden alternative Lösungen immer wichtiger.

E-Commerce Agenturen

Kommen wir zu einer anderen Thematik. Stephan Meixner hat letztens auf neuhandeln.de von Empiriecom, der neuen E-Commerce Gründung der Baur Gruppe berichtet. Sind Agenturen, mit einem Händler Hintergrund denn deiner Meinung nach im Vorteil? Verstehen sie den Handel besser?

Dr. Roman Zenner: Ich glaube nicht, dass eine solche Struktur einen wesentlichen Vorteil gegenüber unabhängigen Agenturen hat. Im täglichen Geschäft erlebe ich, dass bei Konzeption und Implementierung Händler sehr intensiv mit ihren jeweiligen Agenturen zusammenarbeiten, teilweise sitzen die jeweiligen Teams in den selben Räumen und können sich so direkt austauschen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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