Microsoft: Der Rücktritt von Steve Ballmer – ein Rückblick

Seit letzter Woche beschäftigt die Software Welt der Rücktritt des langjährigen Microsoft Managers Steve Ballmer. Hier nochmals eine Zusammenfassung der wichtigsten Eckdaten der Entwicklung.

Für die Entscheidung, das Unternehmen als CEO zu verlassen, soll vor allem der Vorstand des Unternehmens verantwortlich gewesen sein, dem unter anderem auch Microsoft-Gründer Bill Gates angehört. Der Vorstand soll entschieden haben, dass es besser sei, wenn Ballmer Microsoft früher verlasse als ursprünglich geplant.

Laut einem Interview mit dem Analysten Patrick Moorhead, von Moor Insights & Strategy, ist eine 900-Millionen-Dollar-Abschreibung zum Ende des zweiten Quartals, das Zünglein an der Waage gewesen:

„What could have precipitated the quick move?“ Moorhead asked, then answered his own question. „It was the $900 million write-down. That caught the attention of the board, and based on Ballmer’s over-enthusiastic public commentary on Windows RT and Surface RT, they lost a lot of credibility. So did Ballmer. How can you be that far off what consumers want? Was it that you’re not listening to your team? Was it because the team was afraid to give him advice? Was it because the team saw a different reality? Or was it that the team lacked the skill set to anticipate the failure?“ (Quelle: Computerworld.com)

Die Macht der Investoren

ValueAct, einer der größten Investoren von Microsoft, soll Druck ausgeübt und neben Ballmers Abgang noch weitere Maßnahmen gefordert haben: Einen Teil seiner Anteile zu verkaufen und eine Erhöhung der Dividende. Auch wolle das Unternehmen jemanden im Vorstand platzieren. Ballmers Abgang könnte also ein Entgegenkommen sein, um den Einfluss des Investors etwas zu minimieren. Wäre ValueAct im Vorstand, hätte Ballmer wohl schon früher seinen Hut nehmen müssen, meinen einige Insider.

Ballmer selbst meint jedenfalls, es sei seine eigene und persönliche Entscheidung gewesen, zu der ihn niemand gedrungen oder ihn davon abgehalten hätte. Ballmer sei seit Monaten enthusiastisch ob der Änderungen im Unternehmen gewesen. Einige Mitarbeiter meinen, dass er nach der Entscheidung über den Abgang aber ungewöhnlich ruhig wirkte.

Zu seinen Zukunftsplänen gefragt, antwortete er: “Ganz ehrlich, ich weiß es nicht.” Er habe im Moment gar nicht die Zeit, darüber nachzudenken, was als nächstes kommen könnte. Zuerst einmal müsse ein Nachfolger gefunden werden.

Wer soll Steve Ballmer nachfolgen?

Über einen möglichen Nachfolger wollte Ballmer nicht spekulieren. Der gesetzte Zeitrahmen von einem Jahr sei ausreichend, um einen neuen CEO zu finden. “Und wenn es schneller geht, dann bedeutet das nur, dass wir alles sehr geplant und geregelt abwickeln können”, ergänzte der Microsoft-Chef.

Branchenexperten und Journalisten spekulieren unterdessen bereits über mögliche Kandidaten für den Chefposten beim weltgrößten Software-Konzern. Genannt wurden unter anderen Sheryl Sandberg, die beim Online-Netzwerk Facebook das operative Geschäft verantwortet, der Chef der Online-Videothek Netflix, Reed Hastings, sowie der frühere Apple -Manager Scott Forstall, der bis zu seinem Abgang für das iPhone-Betriebssystem iOS zuständig war.

Als ein möglicher interner Anwärter gilt Tony Bates, der mit dem Kauf des Internet-Telefoniedienstes Skype zu Microsoft gekommen war. Zugleich hatten mehrere ‚Kronprinzen‘ wie der Windows-Chef Steven Sinofsky Microsoft verlassen. Und eine Rückkehr von Gründer Bill Gates an die Spitze dürfte ausgeschlossen sein, weil er sich seit Jahren vor allem um Wohltätigkeit und um den Kampf gegen Krankheiten kümmert.

Experten spekulierten sofort nach der Ankündigung über tiefgreifende Veränderungen, die nun bei Microsoft anstehen könnten. „Sie werden einen massiven Umbau in Angriff nehmen“, sagte Colin Gillis von BGC Partners. Andrew Bartels von Forrester Research geht davon aus, dass nun ein Chef gesucht werde, der möglicherweise sogar den Mut habe „das Unternehmen aufzuteilen, Windows abzuspalten“. Allerdings sei massiver Widerstand von Gates gegen einen solchen Kurs zu erwarten.

Schon länger scharfe Kritik

Der Mathematiker steht bereits länger in der Kritik von Branchenexperten und Investoren. Jüngst hatte der Fonds ValueAct Capital einen kleinen Teil von Microsoft aufgekauft und begonnen, lautstark eine neue Strategie und eine klare Nachfolge-Regelung für die Konzernspitze gefordert. „Ballmer hätte schon vor mindestens acht Jahren gehen sollen“, sagte Analyst Trip Chowdhry von Global Equities Research. Er habe sich nie den für ein Technologie-Unternehmen so wichtigen Respekt der Entwickler und Ingenieure verdient. Auch Zeus Kerravala von ZK Research hält Ballmers Zeit für abgelaufen. „Microsoft lebt immer noch vom klassischen PC-Geschäft, in dem Ballmers Stärken liegen. Er war der richtige Mann für seine Ära, aber die Zeiten haben sich geändert.“ Es werde eine neue Führung benötigt.

Schwierige Jahre für Microsoft

Während Microsoft früher zusammen mit dem Chipriesen Intel die Computerwelt beherrschte, tat sich der Windows- und Office-Hersteller mit dem Übergang in das Zeitalter von Tablet-Computern und Smartphones schwer. Konkurrenten wie Apple setzten dem Konzern mit neuen Geräten zu, während alternative Betriebssysteme wie das auf Linux basierte Android von Google sich auf Smartphones und Tablet-PCs breitmachten.

Ballmer steuerte dagegen, hatte jedoch eher wenig Glück. Um Apples iPhone etwas entgegenzusetzen verbündete er sich mit dem finnischen Handybauer Nokia, dessen Stern als einstiger Marktführer allerdings scheinbar unaufhaltsam verblasst. Bei den Tablets verließ sich Microsoft nicht mehr auf traditionelle Großkunden wie Hewlett-Packard oder Dell, sondern ließ eigene Geräte bauen. Dies waren am Markt allerdings chancenlos gegen die Modelle von Apple und Samsung. Bei den Betriebssystemen verzeichnete Ballmer sowohl Erfolge als auch Fehlschläge. Während Experten die Windows-Version 7 lobten, wurde der Vorgänger Vista und auch der Nachfolger 8 als unausgegoren geschmäht.

Wertverlust der Microsoft Aktie unter Ballmers Führung

Der Netflix-Chef Reed Hastings und einige Investoren sollen bereits vor Jahren gefordert haben, Ballmer als CEO abzusetzen. Vor allem letztere sollen beklagt haben, dass das Unternehmen durch Ballmer massiv an Wert verloren habe. Und die Zahlen sprechen für sich: Einen Tag vor seinem Antritt als CEO lag der Börsenwert von Microsoft bei 600 Milliarden Dollar. Am Donnerstag, also einen Tag vor Ankündigung seines Abgangs, bei 270 Milliarden.

Die Anleger reagierten mit einer positiven Einschätzung auf Ballmers Abgang: Die Aktie legte zum Handelsschluss am Freitag um über sieben Prozent auf 34,75 Dollar zu. Das steigerte den Wert des großen Aktienpakets des langjährigen Chefs um rund 850 Millionen Dollar.

eMail von Steve Ballmer zu seiner Entscheidung

Microsoft hat eine interne eMail veröffentlicht, die Steve Ballmer geschrieben hat:

I am writing to let you know that I will retire as CEO of Microsoft within the next 12 months, after a successor is chosen. There is never a perfect time for this type of transition, but now is the right time. My original thoughts on timing would have had my retirement happen in the middle of our transformation to a devices and services company focused on empowering customers in the activities they value most. We need a CEO who will be here longer term for this new direction. You can read the press release on Microsoft News Center.

This is a time of important transformation for Microsoft. Our new Senior Leadership team is amazing. The strategy we have generated is first class. Our new organization, which is centered on functions and engineering areas, is right for the opportunities and challenges ahead.

Microsoft is an amazing place. I love this company. I love the way we helped invent and popularize computing and the PC. I love the bigness and boldness of our bets. I love our people and their talent and our willingness to accept and embrace their range of capabilities, including their quirks. I love the way we embrace and work with other companies to change the world and succeed together. I love the breadth and diversity of our customers, from consumer to enterprise, across industries, countries, and people of all backgrounds and age groups.

I am proud of what we have achieved. We have grown from $7.5 million to nearly $78 billion since I joined Microsoft, and we have grown from employing just over 30 people to almost 100,000. I feel good about playing a role in that success and having committed 100 percent emotionally all the way. We have more than 1 billion users and earn a great profit for our shareholders. We have delivered more profit and cash return to shareholders than virtually any other company in history.

I am excited by our mission of empowering the world and believe in our future success. I cherish my Microsoft ownership, and look forward to continuing as one of Microsoft’s largest owners.

This is an emotional and difficult thing for me to do. I take this step in the best interests of the company I love; it is the thing outside of my family and closest friends that matters to me most.

Microsoft has all its best days ahead. Know you are part of the best team in the industry and have the right technology assets. We cannot and will not miss a beat in these transitions. I am focused and driving hard and know I can count on all of you to do the same. Let’s do ourselves proud.

Steve

Quellen:

Letzte Änderung: 11:38:31 – 2018-02-10

0 Kommentare