Apple setzt mit iOS 8 und OS X auf Stärken des Ökosystems

Die am Montag weltweit ausgestrahlte Keynote von Apple, zu Beginn der jährlichen Entwicklerkonferenz WWDC, wird wohl noch die ganze Woche für viel Gesprächsstoff sorgen. Möglicherweise langfristig weit weniger aufgrund von iOS 8 und OS X Yosemite, sondern wegen der insgesamt erkennbaren Strategie des Tech-Giganten aus Cupertino.

Kein einziges neues Stück Hardware wurde gezeigt, weder ein Mac, noch ein iPhone oder iPad – auch keine aufgefrischte Apple-TV-Multimediabox oder gar eine „iWatch“. Die wohl entscheidenden Nachrichten wurden gegen Ende der 2,5 Stunden langen Show verkündet, wo die meisten Endnutzer wahrscheinlich schon abgeschaltet hatten.

Apple setzt auf die Kraft des eigenen Ökosystems

Am Ende des Tages war klar: Die WWDC macht dem D = Developer dieses Jahr alle Ehre. Apple wartete mit einer Vielzahl an Neuerungen für die Entwicklergemeinde auf:

  • Ankündigung der neuen Programmiersprache Swift, die speziell auf Apple Anwendungen zugeschnitten ist und aufgrund ihrer Einfachheit einen leichteren Zugang für Einsteiger bieten soll. So soll Swift so einfach und übersichtlich zu schreiben sein wie JavaScript oder Python. Dabei kann der Code von Swift mit der neuen Xcode 6 Beta sogar live verändert werden, und der Entwickler kann das Ergebnis sofort betrachten – ohne Kompilierung. Gleichzeitig soll Swift auch um ein Vielfaches schneller sein als Objective-C. Nach über 30 Jahren Objective-C ist es Zeit für etwas Neues.
    Die entsprechende Dokumentation steht bereits bereit.
    Die proprietäre Sprache verhält sich nativ zu den iOS- und OS-X-Frameworks Cocoa und Cocoa Touch, und auch Xcode kann weiterhin als Entwicklungsumgebung genutzt werden – Swift wurde als Teil von Xcode 6 angekündigt. Als Compiler-Infrastruktur nutzt die Sprache LLVM, auch das ist den meisten Entwicklern für Apples Plattformen vertraut. Da Objective-C und Swift die gleiche Laufzeitumgebung haben, kann Swift-Code mit dem von Objective-C in Anwendungen koexistieren, was für den Umstieg besonders wertvoll ist. Mehr siehe Mac and I Kommentar
  • Entwickler können potentielle Kunden zu Beta-Tests ihrer Software einladen
  • im App Store sind ab sofort Vorschau Video-Sequenzen möglich
  • im App Store können nun Bundles von Apps zu Sonderpreisen, mit nur einem Klick gekauft werden

„Am Ende geht es nicht um die glänzenden neuen Kisten, es geht um das Nutzererlebnis“, sagt Frank Gillett, ein Analyst bei Forrester Research. „Wenn externe Entwickler keine atemberaubenden Apps machen, bricht das Ganze für Apple zusammen.“

Eindrucksvoll zeigt Tim Cook auf, warum es für Entwickler lohnenswert ist, sich auf die Betriebssystem iOS und OS X zu konzentrieren:

WWDC14live Screenshot App Store Visits

  • 300 Millionen App Store Besuche jede Woche
  • 130 Millionen Nutzer, die im letzten Jahr erstmals über das iPhone zu Apple fanden
  • 500 Millionen verkaufte iPhones bisher
  • 97 % Kundenzufriedenheit mit dem iOS 7 Betriebssystem
  • 89 % der Nutzer haben bereits das Update auf iOS 7 gemacht. Dem stehen nur 9 % Android Nutzer gegenüber, die die neuste Version Kitkat installiert haben

Screenshot WWDC14live Customer Satisfaction

Die Botschaft ist ganz klar:

Im Gegensatz zu allen anderen Ökosystemen sprechen wir die Early Adopter und Power User an. Wir sorgen für höchste Kundenzufriedenheit und erkennen und wissen um die Bedürfnisse der Entwicklergemeinde. Folglich laden wir euch ein, euch noch mehr an uns zu binden.

„Aus Verbrauchersicht mag das alles nach nichts aussehen“, sagte Joe Kennedy, ein 18 Jahre alter Entwickler einer Ziel-Management-App namens Tinker. Aber „was sie für die Entwickler geschaffen haben, ist etwas, dass die künftigen Apps für Verbraucher verändern wird.“

Apple als das Zentrum für die Zukunftstechnologien

In welche Richtung die Entwicklung gehen soll deutet man auf der WWDC gleich an:

  • Continuity: Dies ist neben Privacy Protection das am häufigsten erwähnte Wort des Abends. Ein nahtloser Übergang und eine absolute Verschmelzung der Hardware ist Grundlage eines einzigartigen Nutzererlebnisses, das nur Apple liefern kann. Desktops und Laptops, die Mobilgeräte in der Nähe erkennen, wodurch am Desktop Telefonie möglich wird. Live Synchronisierung von Dokumenten und Medien auf allen Geräten via iCloud Drive. Etc.
    Sicher, viele der vorgestellten Features kennt man bereits von anderen Anbietern. Aber durch die Kombination der absolut aufeinander abgestimmten Hard- und Software gelingt es nur Apple das perfekte Ökosystem zu schaffen.
  • Homekit: Mit diesem Feature dürfen iPhone- und iPad-Nutzer ab sofort smarte Haushalts-Geräte, wie beispielsweise Philips‘ Hue-Glühbirnen oder Internet-fähige Thermostate, fernsteuern. Und zwar nicht nur über die jeweiligen Apps der Gadget-Hersteller, sondern direkt über iOS 8 — und damit auch mittels des Sprachassistenten Siri. Auf der WWDC gab Apple die Partnerschaft mit Marktführern in diesem Bereich bekannt.
    Netzwelt meint hierzu:
    Haussteuerung ist ein spannendes Thema. Leider verderben komplizierte Einrichtungen, Fehleranfälligkeiten und nicht zueinander kompatible Standards, von denen es bereits zu viele gibt, Einsteigern schnell den Spaß. Prinzipiell ist es begrüßenswert, dass Apple – bekannt für simple Bedienung – in den Markt einsteigt. Spannend bleibt die Frage, wie Apple mit HomeKit berechtigte Sicherheitsbedenken der Nutzer ausräumen will. Die Vorstellung, Fremde könnten sich mit einem gehackten iPhone Zugang zum eigenen Haus verschaffen, gilt es zu entkräften.
  • Healthkit: Das iPhone als Gesundheitsgadget, das über Sensoren vom Herzschlag bis zum Blutzuckerspiegel alles misst und bei Abweichungen von der Norm automatisch den Arzt alarmiert. An solchen Zukunftsvisionen wird gerade in den Softwareschmieden der Welt fiebrig gebastelt.
    In den USA wurde bereits eine Kooperation mit einer Krankenhauskette geschlossen und vorgestellt.

„Sie haben gesehen, wie unser Betriebssystem, unsere Geräte und Dienste harmonisch zusammenarbeiten“, sagte Apples Vorstandschef Tim Cook. „Wir machen das, damit wir unseren Nutzern ein nahtloses Erlebnis bieten können.“

Johannes Kuhn fasst in der SZ zusammen:

Ob all diese Pläne so aufgehen, wie Apple sich das vorstellt? Und werden sie dafür sorgen, dass der Konzern weiterhin mit seinen Hardware-Verkäufen die gigantischen Gewinnerwartungen der Börse erfüllen kann?

Die Antwort gibt es in einigen Monaten, wenn Apple seine neuen Produkte vorstellen wird. Eine Antwort aber hat die WWDC gegeben: Tim Cook hat eine Strategie für den Konzern nach der Ära Steve Jobs gefunden. Und sie könnte funktionieren.

Quellen:

  • Mashable.com: Why Apple Developers Like What They’re Seeing at WWDC
  • SZ.de: Tim Cook´s Apple Strategie
  • t3n: Apples neue Programmiersprache Swift: Schneller und einfacher als Objective-C
  • t3n: Apple buhlt um die Gunst der App-Entwickler: „Am Ende geht es um das Nutzererlebnis“ [WWDC 2014]
  • t3n: Apples goldener Käfig: Wie der Konzern iOS-Nutzer an OS X kettet [Kommentar]

Ein Review der Keynote gibt es auf 9to5Mac zu sehen. Hier werden die wichtigsten Neuerungen nochmals vorgestellt.

Letzte Aktualisierung: 08:37:53 – 2016-10-01

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